„Ich bin vergnügt, erlöst, befreit“

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit

Dieser Anfangssatz aus einem der Psalmgedichte von Hanns Dieter Hüsch (1925 – 2005) ist das Motto des Reformationsjubiläums der Evangelischen Kirche im Rheinland.

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Sichtbares Zeichen der Versöhnung: der katholische Pfarrer Peter Kollas und der evangelische Pfarrer Björn Heymer haben am Taufbrunnen gemeinsam ein Kreuz aufgerichtet, das zuvor wie eine Sperre quer auf dem Altar lag. Sichtbares Zeichen der Versöhnung: der katholische Pfarrer Peter Kollas und der evangelische Pfarrer Björn Heymer haben am Taufbrunnen gemeinsam ein Kreuz aufgerichtet, das zuvor wie eine Sperre quer auf dem Altar lag.

Ökumenischer Buß- und Versöhnungsgottesdienst in Wetzlar

"Wir danken Gott, dass es Sie gibt!"

Ein Gottesdienst, der nachwirkt: Zum Gedenken an 500 Jahre Reformation haben 280 evangelische und katholische Christinnen und Christen am dritten Passions-Sonntag im Wetzlarer Dom unter dem Leitwort „Erinnerung heilen – Jesus Christus bezeugen“ zusammengefunden.

Unter dem Posaunenklang des Wetzlarer Bläserkreises zogen die beiden Dompfarrer Björn Heymer und Peter Kollas sowie Liturgen und Ministranten ein in den Gottesdienst, an dem für die Evangelischen Kirchenkreise Braunfels und Wetzlar Superintendent Roland Rust teilnahm und dessen Vorbild der zentrale Buß- und Versöhnungsgottesdienst in Hildesheim ist - mit dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx und dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm.

Die Idee: Im Gegensatz zu den Reformationsfeiern der letzten Jahrhunderte zeigen Christinnen und Christen beider Konfessionen jetzt ihre gemeinsamen Wurzeln und verbindenden Zukunftsaufgaben. Deutlich wurde das im Gottesdienst in Wetzlar mit Worten und lebendigen Aktionen. „Wir wollen Gott um sein Erbarmen für das bitten, was wir einander angetan haben“, so der katholische Diakon Dr. Norbert Hark. „Und wir wollen ihm für das danken, was wir aneinander haben.“

Blick auf Sperren, Blick auf Verbindendes

Verletzungen und Abgrenzungen aus der Vergangenheit wie gegeneinander geführte Kriege kamen zur Sprache, auch die noch ausstehende Abendmahls-, beziehungsweise Eucharistiegemeinschaft. Ein auf dem Altar quer liegendes Kreuz erinnerte an das, was trennt. „Wir haben das Evangelium Christi verkehrt und zur Sperre zwischen Brüdern und Schwestern errichtet“, bekannte Pastor Ernst von der Recke im Namen der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK). 

Demgegenüber gibt es vieles, was verbindet, wie die Dankbarkeit für das gemeinsame Bekenntnis zu Christus und die gegenseitige Anerkennung der Taufe. Als Zeichen dafür richteten die Dompfarrer Peter Kollas und Björn Heymer die Sperre auf, die dadurch zum Kreuz als Zeichen der Erlösung wurde.

Was die Konfessionen aneinander achten

Beide sprachen aus, was sie an der jeweils anderen Konfession besonders achten: Kollas nannte Impulse der Reformation wie die Wertschätzung der Heiligen Schrift, die verantwortungsvollen Entscheidungsprozesse in den Synoden und den Einsatz der Diakonie. Heymer bezeichnete die katholische Kirche als Nationen und Kulturen verbindende Weltkirche, hob die Liebe zur Liturgie und zu den Überlieferungen des Glaubens hervor. „Wir danken Gott, dass es Sie gibt“, sprachen beide Pfarrer der jeweils anderen Konfession zu.

Anschaulich wurde das auch in der Predigt zur Geschichte von der Begegnung der samaritanischen Frau am Jakobsbrunnen mit Jesus aus dem 4. Kapitel des Johannes-Evangeliums. Juden und Samaritaner hätten unterschiedliche Glaubensauffassungen gehabt, hieß es. Man sei sich aus dem Weg gegangen, habe Vorurteile auf beiden Seiten gepflegt. Wichtig sei jedoch stattdessen, einander mit Respekt zu begegnen und den Menschen zu sehen, wie Jesus es bei der Frau aus Samarien getan habe. „Glaubenserfahrung kann ich nicht nur in meiner Tradition machen, das kann ich auch beim Anderen finden“, sagte Kollas. Und Heymer ergänzte: „Die beiden Gemeinden am Dom sind füreinander eine Bereicherung.“

Erinnerung an die Taufe

Mit dem Gang zum Taufbrunnen und dem Bezeichnen mit dem Kreuz hatten die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher Gelegenheit, sich an ihre Taufe und damit an das zu erinnern, was katholische und evangelische Christinnen und Christen verbindet. Zuvor war bei einer Prozession durch die Kirche Wasser aus dem katholischen in den evangelischen Taufbrunnen gegossen worden.

Ökumene gab es auch bei der Musik: So hatten sich die Wetzlarer Kantorei, der Domchor und der Junge Ökumenische Chor unter Leitung der beiden Kantoren Dietrich Bräutigam und Horst Christill zu einem harmonischen Chor zusammengefunden.

Einander aktiv unterstützen

Eine Selbstverpflichtung stand es am Schluss des Gottesdienstes, denn: „Dieser Gottesdienst soll nicht folgenlos bleiben“, erklärte Pfarrer Kollas. So wollen evangelische und katholische Gemeinde einander aktiv unterstützen, beispielsweise bei Fragen der sozialen Gerechtigkeit, der Friedenssicherung und der Wahrung der Menschenrechte.

„Dabei orientieren wir uns an der ‚Charta Oecumenica’“, sagte Christian Hammann, stellvertretender Vorsitzender des katholischen Pfarrgemeinderates. Die Charta ist ein von allen Kirchen Europas gemeinsam erarbeiteter, 2001 veröffentlichter Text mit dem Ziel, das ökumenische Miteinander zu intensivieren. Vor Entscheidungen zu strittigen ethischen Fragen beispielsweise soll der Dialog gesucht werden.

Weitere Schritte

„Im Vertrauen auf die Kraft des Heiligen Geistes verpflichten wir uns, weitere Schritte auf dem Weg zur sichtbaren Einheit der Kirchen zu gehen“, fasste der evangelische Kirchmeister Jens-Michael Wolf das Anliegen des Gottesdienstes zusammen, der mit dem gemeinsamen Segen beider Dompfarrer schloss.

Die Ökumene ist im Wetzlarer Dom schon seit der Reformationszeit angesagt: So feiern beide Konfessionen ihre Gottesdienste unter einem Dach. Der Dom ist damit eine von rund 70 sogenannten Simultankirchen in Deutschland.

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Uta Barnikol-Lübeck / 19.3.2017



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