„Ich bin vergnügt, erlöst, befreit“

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit

Dieser Anfangssatz aus einem der Psalmgedichte von Hanns Dieter Hüsch (1925 – 2005) ist das Motto des Reformationsjubiläums der Evangelischen Kirche im Rheinland.

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Die Ausstellung "Der geteilte Himmel" ist bis Ende Oktober im Ruhr Museum Essen zu sehen.Die Ausstellung "Der geteilte Himmel" ist bis Ende Oktober im Ruhr Museum Essen zu sehen.

Ausstellung

Große Glaubensvielfalt im Revier

Das Zusammenleben unterschiedlicher Religionsgemeinschaften im Ruhrgebiet hat eine lange Tradition. Die Ausstellung „Der geteilte Himmel“ in Essen zeigt, wie Reformation und Migration die religiöse Vielfalt in der Region geprägt haben.

Martin Luther war nie an Rhein und Ruhr. "Obwohl der Sohn eines thüringischen Bergmannes und Hüttenpächters vielleicht gut in das spätere Ruhrgebiet gepasst hätte", findet der Direktor des Essener Ruhr Museums, Heinrich Grütter. Dass die von Luther angestoßene Reformation dennoch tiefgreifende Auswirkungen auf die Religionsgeschichte Nordrhein-Westfalens hatte, zeigt das Ruhr Museum mit seiner Sonderausstellung "Der geteilte Himmel" zum Reformationsjubiläum in diesem Jahr.

Im Blickpunkt steht das Zusammenleben der unterschiedlichen Religionen und Konfessionen über die Jahrhunderte. Dabei zeige sich, dass das Gebiet an Rhein und Ruhr nicht erst heute mit mehr als 250 Religionsgemeinschaften "eine der multireligiösesten Regionen Europas" sei, betonte Grütter. "Das Nebeneinander unterschiedlicher Glaubenrichtungen bestand von Anfang an."

Eine Madonna aus dem Essener Domschatz und ein Ablassbrief

In zehn Kapiteln skizziert die Schau den religiösen Wandel der Region vor dem Hintergrund der politischen Geschehnisse. Eine Madonna aus dem Essener Domschatz und ein Ablassbrief aus dem Stift Fröndenberg verweisen auf die Hauptkritikpunkte Luthers, der Heiligenverehrung und Ablasshandel missbilligte. Waffen erinnern an die kriegerischen Auseinandersetzungen im 16. und 17. Jahrhundert, die immer auch Glaubenskriege waren.

Dennoch sei vor allem durch die liberale Haltung der Herzöge von Jülich-Kleve-Berg vielerorts ein vielfach friedliches "Nebeneinander unterschiedlicher Glaubensrichtungen" entstanden, sagt Grütter. Niederländische Glaubensflüchtlinge fanden Zuflucht in Wesel, davon zeugt der kostbare vergoldete "Geusenbecher", den sie 1578 dem Rat der Stadt als Dank für ihre Aufnahme überreichten.

Den Einfluss der Politik auf die Religion spiegelt das Kapitel "Kontrolle. Kirche und Staat". Thematisiert wird nicht nur die enge Verbindung zwischen dem preußischen Staat und der protestantischen Kirche, sondern auch die Rolle der Kirchen während der NS-Zeit, die "mit wenigen Ausnahmen keine rühmliche" gewesen ist, wie der Museumsdirektor feststellt.

Auch das karitatives Engagement der Kirchen wird in den Blick genommen

Ein weiterer Ausstellungsbereich nimmt das karitative Engagement der christlichen Kirchen in der wachsenden Industrieregion in den Blick. Die Tracht einer Kaiserswerther Diakonisse oder die Sammelbüchse "für arme Epileptische" in der Heil- und Pflegeanstalt Bethel stehen für die vielfältigen Fürsorgeaktivitäten.

Es waren immer wieder Migrationsbewegungen, die für eine weitere religiöse Vielfalt sorgten. Während der Industrialisierung kamen sowohl protestantische als auch katholische Arbeiter aus Polen und Ostpreußen. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es Gastarbeiter, zunächst aus Italien, Griechenland und Spanien, später aus der Türkei, die ihren Glauben mitbrachten. Der Fall des Eisernen Vorhangs bescherte schließlich den jüdischen Gemeinden ein Wachstum.

Wie vielfältig vor allem das Ruhrgebiet heute mit mehr als 250 Religionsgemeinschaften ist, zeigen die zehn Seitenkabinette der Ausstellung. Sie präsentieren Heilige Schriften, Rituale und Feste, Lebensstationen wie Taufe, Beschneidung, Hochzeit, Bestattungskulturen, Pilgerorte, Gebetshäuser und Klangwelten der verschiedenen Glaubensrichtungen.

Der geteilte Himmel wird wieder ein gemeinsamer

"Dabei fällt auf, dass die Religionen viel mehr verbindet, als sie trennt", findet Grütter. "So wird der geteilte Himmel wieder zum gemeinsamen Himmel, den sich alle Menschen teilen." Diesen Gedanken hat auch der Wiener Architekt Bernhard Denkinger bei der Gestaltung der Ausstellung aufgegriffen. Er entwickelte einen sternenübersäten "Himmel", der den Ausstellungsraum in der ehemaligen Kohlenwäsche überspannt, der wie Sakralraum mit Haupt- und Seitenschiff sowie Seitenkapellen aufgebaut ist.

Insgesamt umfasst die Schau nach Museumsangaben über 800 Objekte von 250 Leihgebern. Gezeigt werden Gemälde und Skulpturen, Altargerät, Möbel, Textilien, Grafiken und Bücher, die teilweise noch nie ausgestellt wurden. Unter anderem sind die hölzerne Kanzel einer muslimisch-arabischen Gemeinde in Bochum, kostbares Abendmahlsgerät, eine Beschneidungsbank aus einer Krefelder Synagoge sowie Musikinstrumente aus dem Essener Sikh-Tempel zu sehen.

Der rheinische Präses Manfred Rekowski zeigte sich beeindruckt von der Ausstellung, die an das Reformationsgeschehen anknüpfe, und zugleich die religiöse Vielfalt im Ruhrgebiet beschreibe.  "Die Reformation hat die Mitte der biblischen Tradition neu entdeckt, wollte die Kirche verändern und hat ungewollt eine Vielfalt von Kirchen und Gemeinden entstehen lassen", erklärt er.  "Heute müssen wir uns nicht nur Gedanken über ein verstärktes ökumenisches Miteinander machen, sondern müssen viel für den Zusammenhalt einer multireligiösen Gesellschaft tun."

Die Ausstellung "Der geteilte Himmel" läuft bis zum 31. Oktober. Sie ist Teil des gleichnamigen Programms des Ruhr Museums mit dem Essener Forum Kreuzeskirche und dem Martin Luther Forum Ruhr in Gladbeck zum Reformationsjubiläum.

Ruhr Museum, Unesco-Welterbe Zollverein, Gelsenkirchener Straße 181, 45309 Essen, Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 18 Uhr.

 

ekir.de / epd, Foto: epd-bild/Ekkehard Reinsch / Evangelische Kirche im Rheinland - EKiR.de / 06.04.2017



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