„Ich bin vergnügt, erlöst, befreit“

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit

Dieser Anfangssatz aus einem der Psalmgedichte von Hanns Dieter Hüsch (1925 – 2005) ist das Motto des Reformationsjubiläums der Evangelischen Kirche im Rheinland.

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Ein Lützellindener Redaktionsteam mit (v.l.) Fritz Hoßbach, Ute Kannemann und Rolf Krieger hat den Vortrag von Dr. Andreas Metzing (3.v.l.) in Form einer Broschüre herausgebracht. Ein Lützellindener Redaktionsteam mit (v.l.) Fritz Hoßbach, Ute Kannemann und Rolf Krieger hat den Vortrag von Dr. Andreas Metzing (3.v.l.) in Form einer Broschüre herausgebracht.

Reformation in Lützellinden und am Hüttenberg

Stolz auf den ersten rheinischen Pfarrer

„Wir sind in Lützellinden stolz, dass hier mit Adam Kirchhain am 22. Februar 1527 der erste evangelische Pfarrer auf dem heutigen Gebiet der Evangelischen Kirche im Rheinland eingeführt wurde.“ Das sagte Pfarrerin i.R. Ute Kannemann, die ehemalige Wetzlarer Superintendentin, in ihrer Begrüßung zur Vorstellung der Festschrift „Lützellinden und der Hüttenberg im Zeitalter der Reformation“.

Und zwar am 22. Februar und damit auf den Tag genau 490 Jahre, nachdem Adam Kirchhain als Pfarrer in Lützellinden eingeführt wurde. In Hessen begann die Reformation bereits ab 1526, beginnend mit der Homberger Synode, erklärte Dr. Andreas Metzing, Leiter der Archivstelle Boppard der Evangelischen Kirche im Rheinland. Damit könnten die Gemeinden am Hüttenberg als reformatorisches Kernland gelten, so Metzing. Die Festschrift beruht auf einem aktualisierten Vortrag Metzings.

Die Gemeinherrschaft zweier Landesherren, der sogenannte „hessisch-nassauische Dualismus“, sei charakteristisch für das Hüttenberger Land gewesen. Über das Amt Hüttenberg, zu dem auch Lützellinden gehörte, herrschten damals der Landgraf von Hessen und der Graf von Nassau-Weilburg gemeinsam, was auch zu machtpolitischen Konflikten führte, unter anderem bei der Pfarrstellenbesetzung in Lützellinden Ende des 16. Jahrhunderts oder bei der Einführung einer Hüttenberger Kirchenordnung.

Dass es sich bei der Einführung der Reformation um einen über mehrere Jahrzehnte reichenden Prozess handelte, machte der Referent ebenfalls deutlich: „Das darf man sich nicht als einmaligen Akt vorstellen, etwa in dem Sinne, dass die Menschen abends als Katholiken ins Bett gingen und am nächsten Morgen als Lutheraner wieder aufwachten.“

Schwierige materielle Lage

Die Reformation sei auch mehr als ein theologischer Prozess gewesen. Eine große Herausforderung stellte die Verbesserung der materiellen Gegebenheiten der Gemeinden dar. Die Lage war so schwierig, dass weder Kirchen und Pfarrhäuser renoviert werden noch den Pfarrern ein Gehalt gezahlt werden konnte, von dem ein Überleben ihrer Familien möglich war.

So blieb Adam Kirchhain aus Beilstein, der neun Jahre Pfarrer in Lützellinden war, nichts anderes übrig, als den Grafen von Nassau-Weilburg darum zu bitten, eine zusätzliche Pfarrei übernehmen zu dürfen. Er war nach seiner Zeit in Lützellinden nach Weilburg gewechselt.

Weitere Ziele bei der Einführung der Reformation waren die Verbesserung des Bildungsstandes der Bevölkerung, auch durch eine Neuordnung des Schulwesens, die Verbesserung der theologischen Bildung der Pfarrer sowie des sittlich-moralischen Standes der Bevölkerung und der Pfarrpersonen. So wurde in der „Hüttenberger Disziplinarordnung“ von 1543 beispielsweise festgelegt, wie man mit „Gotteslästerern“, „Vollsaufen“, „Unehelichen Beilegern“, dem „Kirchgehen“, dem „Tanzen“ oder „Kristallsehern und Wahrsagern“ umzugehen habe.

Den ganzen Menschen im Blick

Über das moralisch-sittliche Niveau der Pfarrerschaft und ihre Bildung wachten die Hüttenberger Synoden, deren erste 1547 stattfand. In diesem Jahr geriet auch infolge des Schmalkaldischen Krieges der Protestantismus am Hüttenberg in Gefahr. Das Augsburger Interim von 1548 sollte die Rückkehr zum Katholizismus vorbereiten, doch die Pfarrer des Hüttenbergs und in der umliegenden Region lehnten das Interim mit einem Protestschreiben ab und hatten dabei Rückhalt von Landgraf Philipps ältestem Sohn Wilhelm. 1555 wurde schließlich mit dem „Augsburger Religionsfrieden“ die Gleichberechtigung zweier Konfessionen festgeschrieben.

„Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass reformatorisches Christentum sich nicht auf die Abschaffung des katholischen Gottesdienstes beschränkt, sondern den ganzen Menschen in allen Facetten seiner Lebenswirklichkeit im Blick hat“, so Andreas Metzing. Dabei müsse sich Kirche auch heute an ihrem ursprünglichen Auftrag messen und verändern lassen.

Die Festschrift zum Reformationsjubiläum „Lützellinden und der Hüttenberg im Zeitalter der Reformation“ ist für eine Schutzgebühr von 2 Euro erhältlich bei der Evangelischen Kirchengemeinde Lützellinden, Fritz Hoßbach, Telefon 06403 / 4340.

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bkl / 22.2.2017



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