„Ich bin vergnügt, erlöst, befreit“

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit

Dieser Anfangssatz aus einem der Psalmgedichte von Hanns Dieter Hüsch (1925 – 2005) ist das Motto des Reformationsjubiläums der Evangelischen Kirche im Rheinland.

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Wibrandis Rosenblatt Wachsbild von Wibrandis Rosenblatt, Historisches Museum Basel

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Wibrandis Rosenblatt

1504 - 1564
Verheiratet mit der Reformation

Eine der ungewöhnlichsten Frauen des 16. Jahrhunderts trägt auch einen ungewöhnlichen Namen: Wibrandis Rosenblatt. Sie war mit drei Reformatoren verheiratet, und man kann ahnen, wie in ihrem Alltag Theologie lebendig war.

Wibrandis wurde 1504 in Säckingen geboren als Tochter der Magdalena Strub und des Hans Rosenblatt; der Vater ist seit 1510 als Schultheis in seiner Heimatstadt bezeugt und muss überwiegend in habsburgischen Kriegsdiensten gestanden haben. Jedenfalls kehrte die Mutter mit Wibrandis und ihrem Bruder Adelberg in ihre Heimatstadt Basel zurück. Ihre Angehörigen saßen im Rat der Stadt. In Basel heiratete Wibrandis 1524 Magister Ludwig Keller, der zwei Jahre später bereits verstarb. Die Eheleute hatten eine gemeinsame Tochter namens Wibrandis.

Am 15. März 1528 wurde Hans Husschyn Wibrandis zweiter Gatte; er ist besser bekannt in der humanistischen Fassung seines Namens: Johannes Oekolampad. Der Baseler Reformator war 22 Jahre älter und bei der Hochzeit bereits 46 Jahre alt. Dennoch hatten sie drei Kinder: 1528 Eusebius, 1530 Irene und 1531 Aletheia.

Oekolampad hatte eigentlich nicht die Absicht zu heiraten. Er schrieb seinem Kollegen Wolfgang Capito nach Straßburg: „Entweder werde ich eine christliche Schwester suchen, das heißt einen Phönix, oder ich werde ehelos bleiben, wenn nur der Herr es möchte. Jener Vogel ist selten und daher wenigen bekannt, und es kann geschehen, dass in mein Netz ein anderer [Vogel] fliegt, als ich wollte.“ Oekolampad war nicht nur Universitätslehrer, sondern auch Priester. Seine überraschende Heirat war ein deutliches Signal der Reformation, das den Eheleuten den Spott des Humanisten Erasmus von Rotterdam eintrug, der, obwohl Oekolampad eigentlich gewogen, an Willibald Pirckheimer schrieb: „Vor wenigen Tagen heiratete Oekolampad eine Frau, ein Mädchen nicht ohne Geschmack, er ist begierig, in der Fastenzeit das Fleisch mürbe zu machen!“ Und Bonifatius Amerbach schrieb: „Unlängst hat Oekolampad eine Ehefrau heimgeführt. Ein Mann in schon vorgerücktem Alter, mit zitterndem Haupt, mager und erschöpft am ganzen Körper wie ein lebender Leichnam – soll man das nicht töricht nennen?“

Wibrandis Rosenblatt hatte in dieser Zeit regen Anteil an den Besuchen – die Reformatoren Huldreich Zwingli, Wolfgang Capito und Martin Bucer waren im Haus –, dem Briefwechsel und den Tischgesprächen und begleitete die theologischen Debatten der Zeit. Johannes Oekolampad schrieb an den Reformator Guillaume Farel in Genf: „Du sollst wissen, dass Gott mir an Stelle meiner verstorbenen Mutter eine christliche Schwester zur Frau geschenkt hat, in bescheidenen Verhältnissen lebend, aber aus einem ehrenwerten Geschlecht stammend, und als Witwe seit einigen Jahren im Kreuztragen geübt. Ich möchte zwar, dass sie ein wenig älter wäre, aber ich habe bis heute nichts von jugendlicher Unreife an ihr gefunden. Ich bitte Gott, dass diese Ehe glücklich sei und lange währe.“

Als Johannes Oekolampad am 24. November 1531 infolge einer eitrigen Entzündung starb und im Kreuzgang des Baseler Münster bestattet wurde, war Wibrandis wieder mittellos. Wenig zuvor starb in Straßburg Agnes Roettel, die Frau des Straßburger Reformators Dr. Wolfgang Capito. Oekolampads Freunde hatten Sorge wegen Wibrandis und ihrer Kinder und nötigten den etwas verschrobenen Capito, Wibrandis zu heiraten. Am 11. April 1532, nur fünf Monate nach dem Tod Oekolampads, heiratete Wolfgang Capito die zweifache Witwe, die nach Straßburg übersiedelte. Magdalena Strub, Wibrandis Mutter, zog ebenfalls nach Straßburg. Capito war Pfarrer an Saint Pierre le Jeune; Wibrandis organisierte den Haushalt und versorgte die zahlreichen Gäste. Er schenkte ihr, über fünfundzwanzig Jahre älter, fünf Kinder: 1533 Agnes, 1535 Dorothea, 1537 Johannes Simon, 1538 Wolfgang Christoph und 1541 Irene, die nach ihrer inzwischen verstorbenen Halbschwester benannt wurde. In diese Zeit fällt die Vermählung der erstgeborenen Tochter Wibrandis Keller mit dem Straßburger Hans Jeliger.

Die Pest brach in der Reichsstadt aus: Am 4. November 1541 starben Wolfgang Capito und drei der Kinder von Wibrandis, nämlich Eusebius Oekolampad sowie Dorothea und Wolfgang Christoph Capito. Ein Basler Chronist berichtet: „Im Jahr 1541 im Sommer erhub sich am Rheinstrom und tobten an andern orthen ein Pestilentzisch sterben, dies viel trifflicher Leut hinnamb. Zu Strassburg stürben bey 3300 Menschen drüber, unter welchen viel ansehnliche, tapfere Leut gewesen. Zu Colmar schier nicht weniger. Zu Rheinfelden 700, zu Basel auch ein grosse Anzahl.“
Auch bei Capitos Freund Martin Bucer hielt der Pesttod traurige Ernte: Bucers Frau Elisabeth Silbereisen starb und fünf ihrer Kinder. Elisabeth soll dem Vernehmen nach Wibrandis das Versprechen abverlangt haben, nach ihrem Tod Bucer zu heiraten. Es war ihre vierte Ehe. Wibrandis versorgte Bucers behinderten Sohn Nathanael, der als einziges Kind der Elisabeth Silbereisen die Pest überlebt hatte, dazu ihre eigenen Kinder samt ihrer greisen Mutter. 1543 wurde Bucers Sohn Martin geboren, 1545 Tochter Elisabeth. Elf Kindern hatte Wibranids in vier Ehen das Leben geschenkt. Zwischenzeitlich lebte nicht nur ihre eigene Mutter in Bucers Haus, sondern auch Bucers Vater und dessen zweite Frau.

Die vierte Ehe Wibrandis war ganz bestimmt nicht nur eine Vernunftehe, denn als Bucer 1549 Straßburg nach dem verlorenen Schmalkaldischen Krieg verlassen musste und ins England Edward VI. Tudor zog, folgte Wibrandis ihm mit den Kindern im Herbst desselben Jahres. Der Erzbischof von Canterbury, Thomas Cramner, hatte Bucer eingeladen, mit ihm den Aufbau der englischen Kirche federführend zu gestalten. Bucer arbeitete fortan als Professor in Cambridge. An Bucers Seite wirkte sein ebenfalls verbannter Weggefährte Paul Fagius, der aber im November 1549 bereits verstarb. Wibrandis begleitete dessen Witwe Agnes Buchbaum im darauf folgenden Jahr noch vor Pfingsten zurück nach Straßburg, kam aber im Herbst 1550 mit ihrer Tochter Elisabeth Bucer, ihrer Nichte Margaretha Rosenblatt sowie mit ihrer alten Mutter Magdalena Strub wieder nach Cambridge.

Am 1. März 1551 verstarb Martin Bucer nach schwerer Krankheit und wurde in Great St. Mary’s bestattet; Wibrandis kehrte mit ihren Angehörigen ins Elsass zurück. Anfangs lebte sie in Straßburg. Als im Frühling 1553 erneut die Pest ausbrach und auch ihr Schwiegersohn Christoph Söll starb, zog sie mit ihren Kindern Agnes, Johann Simon und Irene Capito sowie Elisabeth Bucer, mit ihrer greisen Mutter und ihrer Nichte Margaretha Rosenblatt in ihre Heimatstadt Basel, wo sie ihren Lebensabend verbringen wollte. Aletheia Oekolampad hingegen blieb in Straßburg und heiratete dort.

Als dann auch Basel 1564 von der Pest heimgesucht wurde, starb Wibrandis am Allerheiligenfest an der Seuche. Die 1624 erschienene «Kurtze Baßler Chronick» hielt fest: „Fraw Wiprand Rosenblat / Herren Joh. Oecolampadii, Wolfgangi Capitonis vnd Martini Buceri seligen / Witwe“. Wibrandis Rosenblatt wurde neben Oekolampad, ihrem zweiten Gatten, im Kreuzgang des Basler Münsters bestattet; auf dem Epitaph fehlt allerdings ihr Name. Irina Bossart hält in ihrem Beitrag über Wibrandis im Blick auf das Epitaph liebenswürdig fest: „Deshalb möchte ich darauf ergänzen: «Praeterea hic sita est mater familias et uxor Wibrandis Rosenblatt – omni laude digna».“ Zu deutsch: „Ferner liegt hier beerdigt Wibrandis Rosenblatt – des höchsten Lobes würdig.“

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Joachim Conrad / 08.01.2017



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