„Ich bin vergnügt, erlöst, befreit“

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit

Dieser Anfangssatz aus einem der Psalmgedichte von Hanns Dieter Hüsch (1925 – 2005) ist das Motto des Reformationsjubiläums der Evangelischen Kirche im Rheinland.

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Idelette de Bure Xavier Würth, Musée des Beaux-Arts de Liège

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Idelette de Bure

1507 - 1549
Gemahlin von Jean Calvin - „..ein treuer Helfer meines Dienstes“.

Idelette de Bure wurde 1507 in Lüttich/ Liège als Tochter des Kaufmanns Lambert de Bure d.Ä. und seiner Frau Isabelle Jamaer geboren und wuchs in der Altstadt von Saint Lambert in Lüttich auf. Ihre Familie ist in der Stadt bereits im 14. Jahrhundert bezeugt und engagierte sich für die bürgerliche Freiheit der Stadt. Nach mehreren Revolten gegen Fürstbischof Louis de Bourbon, der sich der Hilfe seines Vetters, Herzog Karls des Kühnen von Burgund, gewiss sein durfte, kam es zur Niederlage des Lütticher Heeres am 28. Oktober 1467 in der Schlacht bei Brustem. Die Stadt wurde von burgundischen Truppen geplündert. Dennoch stellt sich Vincent de Bure 1468 erneut an die Spitze des Widerstandes. Lambert de Bure d.J., ehemaliger Bürgermeister von Lüttich und Idelettes Bruder, bezahlte seinen Protest mit der Verbannung; er floh 1533 nach Straßburg.

Idelette erfuhr eine gediegene Ausbildung, bevor sie 1525 in Sainte-Veronique Jean Stordeur heiratete; das Ehepaar hatte einen Sohn und eine Tochter. Jean Stordeur war einer der exponierten Gestalten der Täuferbewegung in Lüttich. Die täuferisch gesinnten Kräfte waren zunehmend den Übergriffen des Klerus ausgeliefert. Viele kamen an den Pranger oder wurden hingerichtet. Drei Brüder von Jean Stordeur, Libert, Gerard und Denis, mussten mit einer Kerze in der Hand barfuß und mit geschorenem Haupt auf dem Markt stehen. Er selbst wurde ausgewiesen.
Jean Stordeur floh 1533 aus Lüttich zuerst nach Basel, wohin ihm Idelette mit den Kindern später folgte, dann ging es weiter nach Genf, wo die Familie Jean Calvin kennenlernte. Die Täufer waren in Genf aber unerwünscht; das entsprechende Dekret des Rates datiert auf dem 19. März 1538: „Johannes Bomecomenus, der Drucker, und Jean Tordeur, ein Drechsler aus Liège, Männer, die die Auffassung vertreten, Kinder sollten nicht getauft werden, wurden verhört und es wurde beschlossen, sie wie die anderen Mitglieder dieser Sekte zu verbannen.‟

So wich die Familie zu Idelettes Bruder Lambert nach Straßburg aus. Dort trafen sie erneut wieder auf Calvin, der nach Ostern 1538 gemeinsam mit Guillaume Farel aus Genf vertrieben worden war und nun in der Reichstadt lebte. Ihm hatte Martin Bucer, der die Reformation in Straßburg federführend vorangetrieben hatte, die französische Flüchtlingsgemeinde zuweisen lassen. Bucer kannte Idelette bereits und machte sie (erneut) mit Calvin bekannt. Das Ehepaar Stordeur hörte die Predigten Calvins in Saint-Nicolas, Sainte-Madelaine und in der Dominikanerkirche. Calvin versah inzwischen nicht mehr nur sein Predigtamt, sondern wirkte auch als Professor für Exegese an der neugegründeten Hohen Schule unter dem Rektorat von Jean Sturm. Bald war Calvin regelmäßig Gast im Hause Stordeur; es kam offensichtlich zu einem Gedankenaustausch, denn Jean Stordeur distanzierte sich 1539 von der Täuferbewegung. Als im Frühjahr 1540 der Schwarze Tod nach Straßburg kam, starb Jean Stordeur an der Pest.

Bald danach bat Calvin seine Freunde, die ihn heftig bedrängten zu heirateten, für ihn eine Frau zu suchen. Mehrere Kandidatinnen wurden in Erwägung gezogen. Dabei hatte der Reformator schon Erwartungen. In einem Brief an Farel vom 19. Mai 1539 schrieb er: „Halte mich nicht für einen dieser liebestrunkenen Narren, die alles vergessen, wenn sie ein hübsches Gesicht sehen […] Die einzige Schönheit, die einen Einfluss auf mich hat, ist ein Weib, das freundlich, keusch, bescheiden auftritt, eine gute Haushälterin ist, Geduld übt und ausschließlich um ihren Ehemann besorgt ist.‟ Calvin war zuversichtlich, eine solche Frau zu finden. „Mein Verhalten hinterlässt den Eindruck, ich sei gegen den Zölibat, doch bis jetzt bin ich unverheiratet und weiß nicht, ob ich je verheiratet sein werde. Wenn ich ein Weib zur Frau nehme, sollte dies dazu verhelfen, dass ich mich Gott umso besser widmen kann, indem sie mich von allen banalen, tagtäglichen Sorgen und Nöten befreit. Ich werde unter keinen Umständen um des Fleisches willen heiraten, diesen Vorwurf wird mir keiner machen können.‟

Bucer, der das kultivierte Auftreten und die Frömmigkeit Idelettes kannte, war über-zeugt, dass sie zu Calvin passen müsste. Vor dem Tag der Hochzeit wissen wir eigentlich nichts über die Beziehung der beiden. Jean Calvin und die Witwe Idelette Stordeur heirateten am 10. August 1540; sie zogen in ein Haus in der Rue du Bouclier. Offenbar lief der Ehe vorbildlich; Idelette kritisierte nur den Umstand, dass Calvin erwartete, ihr Sohn aus erster Ehe solle nicht länger Täufer bleiben.

In Genf veränderten sich derweil die Verhältnisse: Der Humanist und Reformer Jacopo Kardinal Sadoleto hatte 1539 die Genfer in einem Brief ermutigt, zum alten Glauben zurückzukehren, als Pierre Viret mit Calvin in Straßburg Kontakt aufnahm. Genf rief Calvin zurück; der zögerte und stellte Bedingungen. Doch die Ereignisse überschlugen sich, und so reiste Jean Calvin am 13. September 1541 in Richtung Genf ab. Idelette kam mit Judith, ihrer Tochter aus erster Ehe, etwas später nach; der ältere Sohn - sein Name ist bisher unbekannt – blieb einstweilen in Straßburg.

Die Familie wohnte in der Rue des Chanoines, in einem Haus mit einem kleinen Garten und einem herrlichen Blick auf den Genfer See und das Jura-Gebirge auf der einen Seite und auf die Alpen auf der anderen. Haus und Möbel gehörten jedoch der Stadt. Auf den 32-jährigen Calvin kam viel Arbeit zur; er fand aber in Idelette ein inspirierendes Gegenüber. Auch vermochte sie ihn aus den dunklen Gedanken befreien, die sich durch manche Ereignisse auf seine Seele legten.

Calvin schenkte Idelette ein Kind, nämlich am 28. Juli 1542 ihren Sohn Jacques, durch dessen zu frühe Geburt sie an den Rand ihrer Kräfte kam. Das Kind verstarb nach wenigen Tagen. Die altgläubige Partei machte sich das Unglück der Eheleute zunutze und spottete, dies sei die Folge der verkehrten Religion. Calvin aber antwortete, er sei zufrieden mit den Myriaden von Kindern im Glauben. Seit August 1542 hat sich Idelette nicht mehr erholt. Noch kümmerte sie sich nach Vermögen um den kränkelnden Gelehrten und hielt ihr gemeinsames Haus offen für Glaubensflüchtlinge. 1545 kamen etwa Waldenser aus ihren Alpentälern herüber nach Genf. Jean Calvin setzte sich beim Rat der Stadt für ihre Aufnahme ein.

Am 29. März 1549 starb Idelette nach langer Krankheit; der aufstrebende Arzt Benoȋt Textor hatte sich sehr um sie bemüht; ihm widmete Calvin zum Dank seinen Kommentar zum 2. Thessalonicherbrief. Calvin überliefert, Idelette habe zuletzt gesagt „O glorreichʻ Auferstehn! O Gott Abrahams und aller unserer Väter, schon seit Jahrhunderten haben alle Gläubigen auf dich gehofft; und keiner ist getäuscht worden; so harre denn auch ich deiner!“ sowie „Beten, beten, betet alle für mich!“ Calvin schrieb an Pierre Viret: „Ich war der besten Freundin meines Lebens beraubt, die, wenn ich zum Priester geweiht worden wäre, nicht nur meine Armut geteilt hätte, sondern auch meinen Tod. Während ihres Lebens war sie ein treuer Helfer meines Dienstes. Von ihr widerfuhr mir nie ein Vorwurf." Calvin sprach von ihr als „Frau von einzigartigem Beispiel“.

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Joachim Conrad / 08.01.2017



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