„Ich bin vergnügt, erlöst, befreit“

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit

Dieser Anfangssatz aus einem der Psalmgedichte von Hanns Dieter Hüsch (1925 – 2005) ist das Motto des Reformationsjubiläums der Evangelischen Kirche im Rheinland.

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Katharina Schütz-Zell Katharina Schütz-Zell / Bild nach einer Textilarbeit von Luise Theill

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Katharina Schütz-Zell

1497/98 - 1562
Kirchenmutter Straßburgs

Katharina Schütz kommt aus einer angesehenen Bürgerfamilie und heiratet 1523 den ersten evangelischen Prediger Straßburgs, Matthias Zell. Angriffe wegen der Heirat beantwortet sie mit ihrer ersten theologischen Veröffentlichung. Biblisch fundiert und vertraut mit den Kernthesen der lutherischen Reformation verteidigt sie die Lebensform der Ehe für Priester und greift die klerikale Hierarchie an.

Im Kirchenalltag übernimmt Katharina diakonische und seelsorgliche Aufgaben. Sie besucht Kranke und Gefangene. Für den gottesdienstlichen Gebrauch gibt sie Lieder der Böhmischen Brüder heraus und versieht sie mit einer Einleitung. Sie unterhält eine ausgedehnte Korrespondenz. Vor allem öffnet sie ihr Haus für Flüchtlinge: um ihres Glaubens willen vertriebene Lutheraner, von ihren Fürsten verjagte Bauern und an Leib und Leben bedrohte Täufer und ihre Familien. Sie organisiert ihre Unterbringung und schreibt Trostschriften. Zwang in Glaubenssachen oder Gewaltanwendung im Namen der Religion steht im Widerspruch zur Lehre Jesu. Darin sind Katharina und Matthias Zell einig.

Nach dem Tod ihres Mannes wird Katharina Schütz Zell öffentlich angegriffen, weil sie die Witwe eines hingerichteten Täuferpredigers aufgenommen hat. In einem mehrjährigen öffentlichen Schriftwechsel tritt sie für die Grundlagen des reformatorischen Aufbruchs ein, den sie durch den Klerikalismus und das Ordnungsdenken der führenden protestantischen Theologen und ihre Intoleranz gegenüber Andersdenkenden in höchster Gefahr sieht. Ihren öffentlichen Protest versteht Katharina Schütz Zell als Wahrnehmung des prophetischen Wächteramtes, zu dem sie sich durch das Evangelium verpflichtet und als „Kirchenmutter“ Straßburgs auch berechtigt sieht.

Mit Luther vertritt Katharina Schütz Zell die Lehre vom Priestertum aller Glaubenden. Um für die Wahrheit des Evangeliums einzutreten, bedarf es keiner Ordination und keines offiziellen Amtes. Wohl aber ist dazu eine auf Bibel- und Weltkenntnis gegründete, durch Glaubens- und Lebenserfahrung gewachsene Autorität nötig. Als sie am Grab ihres Mannes eine öffentliche Abschiedspredigt hält, stellt sie sich ausdrücklich in die Tradition der Apostelin Maria Magdalena, die - von Jesus selbst beauftragt – seinen Jüngern die befreiende Osterbotschaft verkündigen sollte.

Von Katharina Schütz Zell sind uns viele Schriften überliefert. Einen kleinen Einblick in ihr denken geben die folgenden Zitate aus den Jahren 1556/57, die in der Schreibweise an heutiges Deutsch angepasst wurden:
„… dass ich nicht nach dem Maß eines Weibes, sondern nach dem geschenkten Maß, dass mir Gott durch seinen Geist gegeben hat, treulich und einfältig gehandelt habe, (dass ich) mit großer Freude und Arbeit Tag und Nacht meinen Leib, Kräfte, Ehre und Güter dir, liebes Straßburg voll gutem Willen zu Füßen gelegt habe. ...“
Ein Brief an die ganze Bürgerschaft der Stadt Strassburg (nach McKee II, S. 169)

„Seit ich zehn Jahre alt (war, bin ich) eine Kirchenmutter, eine Zierde des Predigtstuhls und der Schule gewesen, habe die Gelehrten geliebt, viel besucht und (habe) mein Gespräch – nicht von Tanz, Weltfreuden, Reichtum oder Fassnacht, sondern - vom Reich Gottes mit ihnen gehabt.“
Ein Brief an die ganze Bürgerschaft der Stadt Strassburg (nach McKee II, S. 170)

„Dieweil mich denn der Herr aus meiner Mutter Leib gezogen und von Jugend auf gelehrt hat, habe ich mich seiner Kirche und Haushaltung derselben gern und allezeit nach dem Maß meines Verstandes und (der mir) gegebenen Gnade zu jeder Zeit fleißig angenommen und treulich gehandelt ...“
Ein Brief an die ganze Bürgerschaft der Stadt Strassburg (nach McKee II, S. 168f)

„Die armen Täufer, über die ihr so grimmig erzürnt seid und die Obrigkeit allenthalben gegen sie hetzt wie ein Jäger die Hunde auf ein Wildschwein und Hasen: Sie bekennen doch Christum den Herrn auch mit uns … im Hauptstück, darin wir uns vom Papsttum getrennt haben, nämlich die Erlösung Christi, auch wenn wir uns in anderen Dingen nicht einigen können. Soll man sie deswegen verfolgen - und Christus in ihnen, den sie mit Eifer bekennen und den viele von ihnen bis ins Elend, Gefängnis, Feuer und Wasser bekannt haben?“
Ein Brief an die ganze Bürgerschaft der Stadt Strassburg (nach McKee II, S. 209)

„Alle haben sie zu uns kommen dürfen. Was haben uns ihre Namen angegangen? (Gemeint ist: Was gehen uns ihre Namen an?) Wir sind auch nicht gezwungen gewesen, jedes Meinung und Glaubens zu sein; sind aber schuldig gewesen, einem jeden Liebe, Dienst und Barmherzigkeit zu erweisen. Das hat uns unser Lehrmeister Christus gelehrt.“
Ein Brief an die ganze Bürgerschaft der Stadt Strassburg (nach McKee II, S. 243f)

„Wer aber Böses tut, den soll die Obrigkeit strafen. Den Glauben (soll sie) aber nicht zwingen und regieren, … Er gehört dem Herzen und Gewissen zu, nicht dem äußerlichen Menschen. So lesen es alle, die … das Evangelium bei uns … erneuert haben.“
Ein Brief an die ganze Bürgerschaft der Stadt Strassburg (nach McKee II, S. 209)

„Ich rede aber vor Gott, dass ich - Gott sei Lob - keines Menschen Gefangene bin, weder des lieben seligen D. Luthers, Zwinglis, Schwenckfelds noch anderer dergleichen. Ich will und begehre auch nicht, nach ihnen oder ihrem Namen genannt zu sein, sondern nach Christus, meinem HERRN.“
Ein Brief an die ganze Bürgerschaft der Stadt Strassburg (nach McKee II, S. 225)

„Ich bitte euch aber zuvor, dass ihr mir nichts für Übel aufnehmen noch (euch) an mir ärgern wollt, als ob ich mich jetzt in das Amt der Prediger und Apostel stellen möchte. Nein, gar nicht. Sondern allein wie die liebe Maria Magdalena ohne Vorbedacht ihrer Gedanken (gemeint ist: ohne Vorsatz) zu einer Apostelin wurde und vom Herrn selbst gedrängt, den Jüngern zu sagen, dass Christus erstanden wäre, so ich jetzt auch. Ohne einen Vorsatz bin ich aus meinem Haus gegangen, habe nicht gedacht, ich wollte etwas hier reden, sondern (wollte) allein diesem meinem höchsten Schatz auf Erden bis zum Grab folgen. Jetzt aber ohne mein vorausgehendes Wissen und Bedenken steht mein Herz und Mund offen zu euch allen und (ich) kann mich nicht zurückhalten.“
Ein Brief an die ganze Bürgerschaft der Stadt Strassburg (nach McKee II, S. 71f)

„Das bezeuge, du liebes Straßburg, denn du kennst mich länger als Herr Ludwig (Nachfolger ihres Mannes und Ankläger), und sag, was ich getan habe: Ja, mir selbst und nicht der Kirche habe ich freilich viel Unruhe gemacht, ... Als ich die armen Verjagten und Elenden, die vor Wasser und Feuer geflohen sind, aufgenommen habe (und) für sie geredet und geschrieben habe, (habe ich) der Kirche kein Leid angetan noch Unruhe angefangen, sondern allezeit freundlich gehandelt.“
Ein Brief an die ganze Bürgerschaft der Stadt Strassburg (nach McKee II, S. 230f)

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Marion Obitz / 08.01.2017



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